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Symbolbild Polyneuropathie
Symbolbild Polyneuropathie
Ursachen und Symptome

Polyneuropathie: Ursachen, Symptome und Therapie

Dr. rer. nat. Erwin Spiegel , Chemiker und wissenschaftlicher Klinikreferent
Zuletzt aktualisiert am: 12.09.2019
Dieser Text wurde nach wissenschaftlichen Standards verfasst und von Medizinern auf Richtigkeit überprüft.
Schon seit vielen Wochen werden Sie durch unangenehmes Kribbeln in den Händen und besonders in den Füßen gequält. Hinzu kommen Taubheitsgefühle und oftmals schmerzhafte Missempfindungen. All diese Beschwerden können auf eine mögliche Nervenerkrankung oder Polyneuropathie hinweisen. Was es damit auf sich hat und welche gesundheitlichen Perspektiven sich daraus ableiten, erfahren Sie in diesem Beitrag.

Polyneuropathie - auf einen Blick

  • Eine Polyneuropathie ist eine Erkrankung zusammengehöriger Nervenfasern, die außerhalb des Gehirns und Rückenmarks den Körper versorgen. Betroffen sind vor allem Füße, Beine und Hände sowie verschiedene innere Organe wie der Verdauungsapparat oder das Herz-Kreislauf-System.
  • Sie zeigt sich in der Mehrzahl der Fälle als Folge einer bereits länger bestehenden Grunderkrankung. Die Zuckerkrankheit (Diabetes) nimmt dabei den vordersten Platz ein.
  • Zu Beginn der Behandlung bildet die Beseitigung der Symptome den Schwerpunkt, gefolgt von der spezifischen Therapie der Krankheitsursache. Auch wenn verschiedene Arten der Polyneuropathie ausheilen können, trifft das für die diabetische Form leider nicht zu.

Was ist eine Polyneuropathie?

Wenn mehrere zusammengehörige Nervenstränge außerhalb des Gehirns und Rückenmarks nicht störungsfrei funktionieren, liegt eine Polyneuropathie vor. Nervenfasern haben die Aufgabe, einzelne Körperpartien über Nervenreize korrekt zu steuern. Ihre Einteilung in drei Untergruppen gibt einen leicht verständlichen Überblick zu ihrer Funktionsweise.
  • Nerventyp 1: Kontrolle des Bewegungsapparats, beispielsweise Hände, Arme, Beine und Füße. Bei dieser Nervenart handelt es sich um die motorischen oder bewegungssteuernden Nerven
  • Nerventyp 2: Gefühls- und Sinneswahrnehmung. Gleichzeitig informiert diese Nervenart das Gehirn über alle Reize, die Augen und Ohren aufnehmen. Das geschieht ohne jede Möglichkeit, hier einzugreifen. Deswegen schreien wir beispielsweise zwangsweise auf, wenn wir beim Bilderaufhängen statt des Nagels den Daumen treffen
  • Nerventyp 3: Er besteht aus den autonomen oder vegetativen Nerven, die den körpereigenen Betrieb überwachen. Sie sind zuständig für die inneren Organe wie den Magen-Darm-Trakt oder Herz-Kreislauf und erledigen ihre Aufgaben gleichfalls willensunabhängig, also autonom. Kommt es bei der Nervengruppe 3 zu Störungen oder Ausfällen, sind unterschiedlich schwere Organerkrankungen vorprogrammiert.
Im peripheren Nervensystem finden sich alle Typen von Nervenfasern. Es vernetzt den gesamten Organismus von der Kopfhaut bis hinunter in den kleinen Zeh. Die Spannbreite an möglichen „Netzwerkstörungen“ bei einer Polyneuropathie ist daher sehr groß. Sie erstreckt sich von leichten Empfindungsschwächen in den Füßen über ernste Lähmungen bis hin zu Organerkrankungen wie eine Blasen- oder gar Herzschwäche.  

Ursachen einer Polyneuropathie

Eine Polyneuropathie ist größtenteils keine eigenständige Krankheit, sondern eine Folge schon länger bestehender anderer Erkrankungen. Sie gilt als häufigste Störung des peripheren Nervensystems von Erwachsenen und zeigt sich insbesondere in der zweiten Lebenshälfte.
 
Häufig betroffen sind Diabetiker, von denen etwa die Hälfte langfristig von einer Polyneuropathie betroffen ist. Als zweitstärkste Gruppe gelten die chronisch Alkoholkranken. Ebenfalls deutlich belastet sind Krebspatienten, die sich einer Chemotherapie unterziehen mussten. Bei allen drei Patientengruppen dominieren Empfindungs- und Bewegungsstörungen an den Gliedmaßen, teils begleitet von Schmerzen. Diese drei Krankheitsbilder machen annähernd zwei Drittel aller Polyneuropathie-Patienten aus.
 
Darüber hinaus gibt es rund 200 weitere Gesundheitsstörungen, die zu einer Polyneuropathie führen können. Dazu zählen etwa Vergiftungen, Immunkrankheiten oder Vitaminmangel bis hin zu vererbten Beschwerden. Angesichts dieser Vielfalt ist es selbst Spezialisten nicht immer möglich, die individuellen Auslöser zu ermitteln. Der Befund lautet dann idiopathische Polyneuropathie (idiopathisch = ohne erkennbare Ursache) und betrifft grob 20 Prozent der Patienten.
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Heilungschancen bei Polyneuropathie

Polyneuropathien sind in aller Regel nicht unmittelbar bedrohlich oder lebensgefährdend. In vielen Fällen bestehen je nach Ursache gute Behandlungsmöglichkeiten. Zu Beginn steht die Besserung der Symptome im Mittelpunkt, gefolgt von der Therapie der Grunderkrankung. Die Mitarbeit der Patienten ist bei diesem Krankheitsbild ein wesentlicher Faktor für den Gesamterfolg.
 
Auch wenn Polyneuropathien von Fall zu Fall auch ausheilen können, gilt das für die diabetische Form leider nicht. Umso wichtiger ist es für Diabetiker, ärztliche Therapievorgaben einzuhalten und die Begleitmaßnahmen konsequent umzusetzen, damit die neurologische Folgeerkrankung unter Kontrolle bleibt.

Typische Formen der Polyneuropathie

Diabetische Polyneuropathie

Am häufigsten sind Diabetiker von einer Polyneuropathie betroffen. Dabei schädigt der laufend zu hohe Blutzucker (Glucose) die Myelin- oder Isolierschicht der Nerven. Die Folge sind geschwächte Nervenimpulse bis hin zum Totalausfall. Genau deswegen spielt auch der stets richtig eingestellte Blutzuckerwert eine so große Rolle.
 
Hinzu kommt die zucker- oder glucosebedingt schlechte Blut- und Nährstoffversorgung in den Beinen. Darunter leidet das gesamte Gewebe, insbesondere im Unterschenkel- und Fußbereich. Schwer heilende Geschwüre bis hin zu Teilamputationen bleiben dann im Einzelfall nicht aus.

Alkoholische Polyneuropathie

Als zweite Hauptursache ist der chronische Alkoholmissbrauch für eine Polyneuropathie verantwortlich. Alkohol vergiftet die Nervenzellen und stört deren Reizleitung. Allen voran betrifft es Arme und Beine, die nicht mehr sicher zu bewegen sind.
 
Zusätzlich bekommen Alkoholiker durch häufig sehr einseitige und teils mangelhafte Ernährung einen ausgeprägten Vitamin-B1-Mangel, der die Nervenimpulse hemmt. Die Therapie stützt sich hier auf Alkoholverzicht, die Beseitigung der Mangelernährung und die Gabe von Vitamin B1. Der Heilungserfolg ist bei dieser Krankheitsursache stark von der Mitarbeit des Patienten abhängig.

Chemotherapie-induzierte Neuropathien (CIN)

Der dritte Hauptgrund einer Polyneuropathie sind Nebenwirkungen einer Chemotherapie. Die eingesetzten Medikamente wie Cisplatin sind Zellgifte, die nicht nur krankes Gewebe angreifen. Hier kommt es häufig zu stärkeren Missempfindungen in den Beinen, weil das dortige Nervengewebe ebenfalls unter dieser Krebstherapie leidet.

Moderne Ernährungsformen mit Gefährdungspotenzial

Selbst wenn Sie von keiner der bisher genannten Grunderkrankungen betroffen sind, kann eine Polyneuropathie durch andere Faktoren entstehen. Das Stichwort an dieser Stelle ist ein ausgeprägter Vitamin-B12-Mangel. Hiervon können strenge Veganer betroffen sein, wenn sie über längere Zeit nicht zusätzlich Vitamin B12 einnehmen. Ansonsten sind erhebliche Bewegungsstörungen und Muskelausfälle zu erwarten.

Die Rolle von Stress

Belastender Dauerstress im Privat- oder Berufsleben spielt bei der Ausbildung einer Polyneuropathie keine tragende Rolle, ist aber deswegen nicht bedeutungslos. Denn auch er kann insbesondere zu organischen Krankheiten wie Magen-Darm-Störungen oder Herz-Kreislauf-Beschwerden führen, die dann die Basis für eine spätere Neuropathie bilden. Stress als unmittelbarer Auslöser einer Polyneuropathie hingegen ist eher selten, aber nie völlig auszuschließen. 

Erbfaktoren

Eine Polyneuropathie gehört zu den vererbbaren Krankheitsbildern. Ist ein Elternteil betroffen, kann diese Krankheit durchaus weitergegeben werden. Das ist aber keineswegs immer der Fall.
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Symptome einer Polyneuropathie

Gefühls- und Bewegungsstörungen (sensomotorische Polyneuropathie)

Die typischen Symptome einer peripheren sensomotorischen Polyneuropathie sind öfters beidseitig. Sie zeigen sich vor allem am Bewegungsapparat und betreffen insbesondere das Fühlen, sicheres Bewegen und die Körperkraft. Die Störungen breiten sich üblicherweise von den Zehen, Füßen und Unterschenkeln nach oben aus. Im Wesentlichen zeigen sich folgende Einschränkungen:
  • Missempfindungen wie Kribbeln, Brennen, Stechen, „Ameisenlaufen“ oder Elektrisieren
  • Nachts öfters brennend-bohrende Schmerzen, tagsüber bei Bewegung nachlassend
  • Gestörte Tast-, Berührungs-, Schmerz- und Temperaturwahrnehmung
  • Pelziges Gefühl oder Taubheit an Füßen, Beinen oder Händen
  • Gestörtes Gleichgewicht und Gangunsicherheit
  • Gelegentlich schmerzhaft krampfende Muskulatur (Wade, Oberschenkel, Leistengegend)
  • Fehlende Muskelreflexe, Muskelschwäche oder Muskelschwund
Sollten Sie unter der Zuckerkrankheit leiden, ist der rechtzeitige Arztbesuch bei aufkommenden Symptomen einer diabetischen Polyneuropathie besonders wichtig. Hier nämlich beginnen die Beschwerden oft langsam und unscheinbar, was unbehandelt sehr gefährlich werden kann.

Diagnose

Die Diagnose beginnt mit einer Reihe von Fragen des Arztes zu den Beschwerden. Neben den bisher verwendeten Medikamenten spielen auch Lebensstil und Beruf (vorwiegend sitzende Tätigkeit, zum Beispiel als Kraftfahrer) eine Rolle.
 
Bei der anschließenden Basisuntersuchung prüft der Arzt unterschiedliche Nervenreize, unter anderem
  • den Achilles- und Kniesehnenreflex,
  • die Schmerzwahrnehmung,
  • das Vibrationsempfinden,
  • die Berührungsempfindlichkeit sowie
  • das Temperaturgefühl.
Die weiteren Untersuchungsschritte sind individuell und reichen vom Blutbild bis hin zu verschiedenen apparativen Untersuchungen. Dazu gehören das Elektromyogramm (EMG, misst die elektrische Muskelspannung) sowie die Elektroneurografie (ENG, misst die Nervenleitgeschwindigkeit). In besonders schwierigen Einzelfällen kann auch die Überweisung an ein Fachzentrum erfolgen.

Behandlung der Polyneuropathie

Medikamentöse Therapie

Im ersten Schritt geht es darum, die Symptome medikamentös zu behandeln. Bei Nervenschmerzen helfen die üblichen Medikamente wie Ibuprofen, Diclofenac oder Acetylsalicylsäure nur unzureichend. 
 
Sind die Schmerzen stärker, verordnet der Arzt Arzneimittel, die er auch bei Depressionen oder Epilepsie einsetzt. Bei diesen Mitteln ist Geduld gefragt, denn diese Produkte wirken erst nach circa drei Wochen.
 
Seit einigen Jahren gibt es zudem ein schmerzstillendes pflanzliches Präparat zur äußeren ambulanten Anwendung. Es ist ein rezeptpflichtiges, hoch dosiertes Capsaicin-Pflaster (ein Chili-Wirkstoff). Etwa jeder zweite Patient kann davon profitieren. Der Behandlungserfolg hält etwa drei Monate an, teils auch länger. Eine Wiederholung der Pflastertherapie ist möglich. Die meisten Kassen übernehmen die hohen Kosten von 350 Euro pro Pflaster.

Naturheilmittel, Vitamine, Homöopathie

Als medizinisch sinnvoll gelten ergänzend oder alternativ die nachfolgenden Wirkstoffe, die rezeptfrei erhältlich sind. Manche Patienten verwenden erfolgreich das Nahrungsergänzungsmittel Alpha-Liponsäure (Thioctsäure). Das ist ein auch vom Körper teilweise selbst hergestellter Naturstoff. Als ebenfalls nützlich gilt Vitamin B1 (Thiamin). Beide Wirkstoffe fördern den Energiestoffwechsel der Nerven und sorgen für möglichst störungsfreie Nervenströme. Falls Sie zu diesen Produkten greifen möchten, sollten Sie vorab die optimale Dosierung mit Ihrem Arzt besprechen.
 
Wer eine positive Einstellung zur Homöopathie hat, kann auch mit dieser Produktkategorie einen Therapieversuch unternehmen. Bei neuralgischen, brennenden oder stechenden Schmerzen wäre Aconitum in den Potenzen C3 und D4 geeignet. Für Missempfindungen wie Ameisenlaufen oder Taubheitsgefühl stehen Agaricus muscarius D6 und D12 zur Verfügung. Spigelia D6 und D12 bietet sich bei periodischem Nervenschmerz an.

Physikalische Methoden und Physiotherapie

Diese Verfahren reichen von elektrischen Impulsen zur Schmerzreduktion mit Hautelektroden in der Arztpraxis (TENS oder Transkutane Elektrische Nervenstimulation) über ärztlich veranlasste Krankengymnastik-Kurse bis hin zur Physiotherapie. Neben der Schmerzbekämpfung sind die Behandlungsziele dabei eine gestärkte Muskulatur, eine bessere Durchblutung und gesteigerte Mobilität.

Selbsthilfe und Vorsorge

Bei einer Polyneuropathie zählt die Mitarbeit des Betroffenen, wobei dennoch leider nicht mit schnellen Lösungen zu rechnen ist. Hier kommen Sie nur mit Geduld und Durchhaltevermögen weiter.
  • Als Erstes kommt es darauf an, die Grunderkrankung konsequent zu behandeln und beispielsweise als Diabetiker streng auf den Blutzucker zu achten. Ergänzend ist eine begleitende medizinische Fußpflege ratsam.
  • Zweitens ist alles vorteilhaft, was die peripheren Nerven in den Füßen, Beinen oder Armen anregt. Das Spektrum reicht hier vom Einreiben mit pflegenden Salben oder Cremes (Massage-Effekt) über Wechselbäder bis hin zu professionellen Massagen. Auch Ergotherapie kann helfen, vormals einfache Handbewegungen zurückzugewinnen.
  • Sind Sie körperlicher Bewegung nicht abgeneigt, helfen zügige Spaziergänge, Wandern, Walking oder Radfahren. Das trainiert die Muskulatur, Koordination und Gangsicherheit. Ganz nebenbei fördert das eine allgemeine Gesundheit und das Wohlbefinden.
  • Orientiert sich Ihre Ernährung einseitig an Fast Food und Fertiggerichten, leidet der Stoffwechsel und trägt zur Ausbildung einer Neuropathie bei. Mit einer ausgewogenen, auf Frischeprodukten basierenden Kost können Sie gegensteuern. Alkohol ist dabei nicht verboten, wenn es bei einem täglichen Gläschen Wein oder einem Bier bleibt. Auf das Rauchen sollten Sie allerdings ganz verzichten, da die Nerven nicht gut auf Nikotin zu sprechen sind.
  • Um Ihren Körper ergänzend zur Nahrungsumstellung verlässlich mit allen nervenrelevanten B-Vitaminen zu versorgen, können Sie zusätzlich Nahrungsergänzungsmittel verwenden. Geeignete Produkte hat jede Apotheke als Vitamin-B-Komplex vorrätig. Dabei sollte aber die täglich empfohlene Verzehrmenge eingehalten werden.
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