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Arzt bei der Diagnose
Arzt bei der Diagnose

Diagnostische Verfahren bei Nervenschmerzen

Dr. Henrike Ottenjann, Ärztin
Zuletzt aktualisiert am: 10.07.2019
Dieser Text wurde nach wissenschaftlichen Standards verfasst und von Medizinern auf Richtigkeit überprüft.
Am Beginn jeder Therapie steht die richtige Diagnose. Das klingt banal, ist aber im Bereich der Schmerztherapie nicht immer ganz einfach. Akute Schmerzen werden je nach Körperbereich und Art vom Hausarzt oder einem Facharzt untersucht. In vielen Fällen gelingt die Diagnose relativ schnell und sicher, denn es handelt sich oft um Gewebeschädigungen z.B. nach Knochenbrüchen, Schnittverletzungen, Quetschungen, Prellungen oder auch akuten Entzündungen. Bei chronischen Schmerzen ist die richtige Diagnose schwieriger. Erst die Summe verschiedener Untersuchungen erlaubt den richtigen medizinischen Befund. Aufschlussreiche Hilfsmittel für den Arzt sind dabei ein Schmerzfragebogen oder ein Schmerztagebuch. Ergeben Patientengespräch und körperliche Untersuchung keinen konkreten Befund, schließen sich zusätzliche Untersuchungen an. Dazu zählen bildgebende Verfahren und Labordiagnostik.

Basisuntersuchungen bei Nervenschmerzen 

Zu Beginn der Diagnose steht die Anamnese, also das Gespräch mit dem behandelnden Arzt.
Der Patient soll ihm frei und subjektiv berichten und Antworten auf die folgenden Fragen geben: 
  • Wo, wann und wie häufig treten die Schmerzen auf?
  • Welche Charakteristik haben die Schmerzen (brennen, kribbeln, stechen?) 
  • Wie lange bestehen die Schmerzen schon? 
Um sich ein richtiges Bild machen können, kommt als wichtige Ergänzung des Gesprächs der Schmerzfragebogen ins Spiel. Diesen können Sie als Patient möglichst schon vor dem Besuch in der Arztpraxis daheim ausfüllen. Schmerzfragebögen helfen dem Mediziner, sich ein detailliertes Bild über Schmerzintensität-, -lokalisation (die betroffene Körperstelle) und -charakteristik zu machen. Außerdem kann er mithilfe der ausgefüllten Bögen auslösende und verstärkende Faktoren sowie zeitliche Veränderungen des Schmerzes erfassen. Für die Diagnose bei chronischen Schmerzen sind Gespräch und der ausgewertete Fragebogen wichtig.

Klinische Untersuchung (körperlich, neurologisch und orthopädisch)

Die klinische Untersuchung umfasst die körperliche, orthopädische und neurologische Betrachtung des Menschen. In einem ersten Schritt werden Kopf und Gesicht, Haut, Wirbelsäule, Gelenke und Gliedmaßen betrachtet. Das knöcherne Skelett wird hinsichtlich Fehlstellungen oder Fehlbildungen betrachtet. Im Rahmen der neurologischen Untersuchung werden Reflexe, motorische Störungen und Sensibilitätsstörungen (Schmerz-, Temperatur-, Druck- und Berührungsempfindlichkeit) untersucht.

Messen der Schmerzstärke (VAS-Skala)

Schmerzen sind etwas Subjektives. Dennoch lässt sich die Schmerzstärke anhand eines speziellen Schiebereglers messen. Auf der VAS-Skala wird die subjektiv empfundene Schmerzstärke numerisch abgebildet. Die Skala reicht von der Startmarkierung „0 = kein Schmerz“ bis zur Markierung „10 = stärkster vorstellbarer Schmerz“. Diese Messung sollte mehrfach am Tag, in Ruhe oder unter Belastung vorgenommen werden. Sie dient nicht nur bei der Diagnosestellung, sondern ist auch ein Hilfsmittel für die Erfolgskontrolle einer Therapie. 

Messen der Schmerzempfindlichkeit (QST-Test)

Das gesamte Spektrum schmerzhafter Symptome bei neuropathischen Schmerzen wird mittels einer sogenannten quantitativ sensorischen Testung (QST) analysiert. Dies ermöglicht die Erstellung eines individuellen Schmerzprofils und lässt wiederum Rückschlüsse auf die Ursache der Schmerzen zu. Mit sieben verschiedenen Tests an der Haut werden 13 Parameter erfasst. Im Rahmen einer thermischen Testung werden außerdem verschiedene Parameter bezüglich des Temperaturempfindens untersucht: Eine Thermoelektrode erzeugt Kälte- bzw. Wärmereize im betroffenen Schmerzareal. Im Rahmen der mechanischen Testung prüft man zusätzlich beispielsweise:
  • die Vibrationswahrnehmung mit Hilfe einer Stimmgabel,
  • die Berührungsempfindlichkeit (Allodynie) mit einem dünnen Nylonfilament,
  • die Berührungsüberempfindlichkeit mit einem Pinsel oder mit Nadelstichen (Pinprick)
  • oder die Schwelle, ab der Druck als schmerzhaft empfunden wird.

painDetect: Unterscheidung von neuropathischen und nozizeptiven Schmerzen 

Der sogenannte painDetect-Fragebogen dient zur Unterscheidung zwischen das Nervensystem betreffenden neuropathischen Schmerzen und nozizeptiven Schmerzen, bei denen das zentrale und periphere Nervensystem intakt ist. Er ermöglicht einen systematischen Test (Screening) auf das Vorliegen neuropathischer Schmerzen. Innerhalb von fünf Minuten werden neun Fragen zu Schmerzintensität, -muster und -qualität abgefragt und analysiert. Die Genauigkeit des Tests liegt bei über 80 Prozent.

Das Schmerztagebuch

Um den Erfolg einer Therapie zu überprüfen, zu verbessern oder als Patient zu hinterfragen, ist das Führen eines Tagebuchs, eines Wochen- oder Monatskalenders sehr hilfreich. Der Patient trägt darin seine eigenen Schmerzbeobachtungen, Stimmungen oder auch Aktivitäten ein. Mögliche Tätigkeiten und Aktivitäten pro Tag werden detailliert erfasst, Schmerzen und Stimmungen werden numerisch gemäß einer Skala notiert: Ein Wert von „0“ steht für keine Schmerzen, „10“ steht für stärkste Schmerzen, „0“ für sehr schlechte und „10“ für sehr gute Stimmung. Unser kostenloses Schmerztagebuch können Sie hier herunterladen.

Bildgebende und elektrophysiologische Untersuchungen bei Nervenschmerzen 

Wenn das Patientengespräch und die körperliche Untersuchung ergebnislos bleiben und keine Anhaltspunkte für spezifische Schmerzursachen ergeben, schließen sich zusätzliche Untersuchungen an. Vor allem bildgebende (radiologische) und elektrophysiologische Verfahren können im Fall von Nervenschmerzen Licht ins diagnostische Dunkel bringen.

Bildgebung (Röntgen, CT, MRT, SONO, Szinti)

Zu den radiologischen Verfahren mit Röntgenstrahlen gehören konventionelle Röntgenbilder in zwei Ebenen. Diese dienen etwa zur Abklärung von degenerativen, entzündlichen, rheumatischen, tumorösen und posttraumatischen Prozessen im Körper.
Darüber hinaus gibt es die Computertomografie (CT). Einzel- und Mehrschicht-Spiral-CTs werden bei entzündlichen, tumorösen Prozessen oder Anomalien eingesetzt. Weitere radiologische Verfahren, die ohne Röntgenstrahlen auskommen, sind die Sonografie, die Duplex-Sonografie (z.B. bei Zeichen einer Durchblutungsstörung) und die Kernspintomografie (MRT). MRTs dienen der Darstellung von Weichteilstrukturen, von Knochenmarksprozessen, Gefäßen, Prozessen im Gehirn und in Gelenken.
Weiterhin können nuklearmedizinische Verfahren zum Einsatz kommen. Zu diesen zählen die Skelettszintigraphie, Photonen-Absorptionsmessungen und Positronenemissionstomografie (PET). Die Skelettszintigraphie wird zur Untersuchung von entzündlichen, degenerativen, metastatischen Prozessen eingesetzt. Die Drei-Phasen-Skelettszintigraphie gehört zur Routine bei Verdacht auf einen Morbus Sudeck (Komplexes regionales Schmerzsyndrom – CRPS). Durch diese Untersuchungsmethode kann die Stoffwechselaktivät von Knochen und Knochenmark ermittelt werden. Die PET kommt bei Gefäßentzündungen, Demenz, Tumor- sowie Entzündungssuche zum Einsatz.

Elektrophysiologische Untersuchung (EMG, NLG, EKG)

Mittels elektrophysiologischer Untersuchungen können Muskelschädigungen genauestens analysiert werden. Sie haben das Ziel, den Verteilungstyp, den Schädigungstyp, die Schädigungsmuster und das Ausmaß eines Muskelschadens festzustellen. Bei Verdacht auf eine periphere Polyneuropathie oder eine einzelne Nervenschädigung sind Analysen anhand von NLG (Neurografien), EMG (Elektromyografien) und EKG (Elektrokardiogrammen) sinnvoll.
Das NLG misst die Nervenleitgeschwindigkeit. Das EMG misst die elektrische Aktivität des Muskels und erlaubt dem Arzt zu unterscheiden, ob entweder der Muskel oder der Nerv von einer Funktionsstörung betroffen ist. Das EKG zeigt die elektrischen Aktivitäten des Herzmuskels und evtl. Störungen der Nervenwege.
Ergänzende Methoden für zusätzliche Informationen sind die Vibratometrie, die Thermotestung oder die Jod-Stärke-Reaktion. Elektrophysiologische Untersuchungen sind z.B. bei Engpass-Syndrom, Polyneuritis und Polyneuropathien erforderlich. Ein Elektrokardiogramm (EKG) sollte zusammen mit Blutdruck- und Pulsmessungen durchgeführt werden.
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Labordiagnostische Untersuchung 

Das Mikroskop ist ein weiteres wichtiges Instrument in der diagnostischen Kette, um Symptome von Nervenerkrankungen abzuklären. Blut- und Flüssigkeitsanalysen im Labor können bei Verdacht auf Erkrankungen, die häufig von Nervenschmerzen begleitet werden, aufschlussreich sein. Zu diesen gehören etwa Diabetes mellitus, Multiple Sklerose oder Borreliose. Im Einzelfall landet auch eine Gewebeprobe unter dem Vergrößerungsglas. Eine Nerven- oder Hautbiopsie kommt allerdings erst dann zum Einsatz, wenn alle anderen Untersuchungen ergebnislos geblieben sind.

Blutuntersuchung

Bei jeder Basisuntersuchung sollte ein sogenanntes Standard-Labor abgenommen werden.
Zur Basisdiagnostik zählen:
  • Blutsenkungsgeschwindigkeit (BSG),
  • C-Reaktives Protein (Plasma-Eiweiß),
  • Differenzialblutbild,
  • Elektrolyte,
  • Leber- und Nierenwerte,
  • Bence-Jones-Proteinurie,
  • TSH-Werte (Schilddrüsenwerte)
  • und Immunfixation.
Weitere Untersuchungen erfolgen bei Verdacht auf Diabetes mellitus (Blutzucker, Tagesprofil, Glukosetoleranztest), Alkoholmissbrauch (Transaminasen, MCV, Vitamine), oder auch funikuläre Myelose (Vitamin-B12-Mangel). Darüber hinaus gibt es viele weitere zum Teil sehr spezielle Parameter, die aus dem Blut bestimmt werden können. Diese können helfen, wenn es darum geht, andere behandelbare Ursachen von Erkrankungen des Nervensystems (Neuropathien) zu finden.

Liquoruntersuchung

Eine Liquor- oder auch Lumbalpunktion erfolgt, um Nervenwasser (Liquor) aus dem Wirbelkanal zu entnehmen. Liquor ist eine klare Flüssigkeit, die das Gehirn und das Rückenmark umgibt und z.B. bei entzündlichen Prozessen verändert sein kann. Die Lumbalpunktion ist z.B. wichtig bei Verdacht auf entzündliche Erkrankungen des Gehirns, bei Multipler Sklerose oder bei Borreliose.

Nerven- und Hautbiopsie

Eine weitere diagnostische Möglichkeit bietet die Entnahme und Untersuchung von Nerven- oder auch Hautgewebe durch eine kleine Biopsie. Nervenbiopsien kommen erst dann infrage, wenn mit anderen Methoden keine hinreichende Diagnose gestellt werden kann. Sie sind bei Verdacht auf behandelbare Polyneuropathien erlaubt, allerdings möglichst nur in Spezialzentren. Biopsiert wird im Allgemeinen der Nervus suralis des Unterschenkels, alternativ der Nervus peroneus superficialis. Durch eine Hauptbiopsie lässt sich eine Aussage über den Zustand von Nervenfasern in einem bestimmten Bereich machen.

Genetische Tests

In seltenen Fällen wie z.B. einer familiär auftretenden Polyneuropathie (PNP) oder bei Zeichen einer hereditären Polyneuropathie ist es sinnvoll, genetische Tests durchzuführen. Auch bei entzündlichen Polyneuropathien kann eine weitergehende molekulargenetische Untersuchung sinnvoll sein.

Transcobalamin-Test (bei Vitamin-B12-Mangel)

Vitamin B12 liegt im Körper in sogenannter verfügbarer (aktiver) und unverfügbarer Form vor. Der Transcobalamin - Test ist genauer als ein Serumtest, weil er nicht den Vitamin B12 Gesamtspiegel misst, sondern nur den Anteil des bioverfügbaren Vitamin B12 im Blut. Unser Körper kann Vitamin B12 nur dann verwerten, wenn es in Verbindung mit dem Transportprotein Transcobalamin vorliegt (HoloTC). Der Anteil des aktiven Vitamin B12 liegt bei ca. 20%, die restlichen 80% sind für den Körper nicht verfügbar. Ein niedriger HoloTC Spiegel gilt als Frühindikator für einen Vitamin B12 Mangel.
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Quellen:

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