Wissen

Welche Schmerzarten gibt es und wie unterscheiden sie sich?

Zuletzt aktualisiert am: 23.06.2016 17:00:15
Welche Schmerzarten gibt es und wie unterscheiden sie sich?

Hochempfindlich wie Fühler reagieren die Schmerzrezeptoren des Körpers auf Stimulationen und erstatten Meldung beim zentralen Nervensystem. Meist sind Schmerzen normale physiologische Reaktionen auf einen Schmerzreiz. Bei neuropathischen Schmerzen sind allerdings die Nerven selbst die Ursache des Leidens von Schmerzpatienten. 

Nozizeptiver Schmerz

Bei sogenannten nozizeptiven Schmerzen sind die peripheren und zentralen Nervenstrukturen intakt – der nozizeptive Schmerz ist also eine normale physiologische Reaktion auf einen Schmerzreiz. Die Nozizeptoren, das sind die Schmerzrezeptoren des Körpers, reagieren hochempfindlich auf mechanische (Verletzung, Druck), thermische (Hitze, Kälte), chemische (Entzündung, Vergiftung) oder elektrische Stimulationen und leiten diese ans Zentralnervensystem weiter. Die Folge: Wir empfinden körperliche Schmerzen.

In der Medizin wird außerdem zwischen somatischen und viszeralen Schmerzen unterschieden. Somatische Schmerzen gehen von Haut, Knochen, Bindegewebe, Muskeln oder Gelenken aus. Sie sind oft druck- oder bewegungsabhängig, eher stechend und von einem Krankheitsprozess (Entzündung, Wunde) begleitet. Viszerale Schmerzen werden von inneren Organen im Bereich des Brustkorbs oder des Bauchraums ausgelöst und machen sich dumpf, bohrend, kolik- oder krampfartig bemerkbar. Typische nozizeptive Schmerzen sind Entzündungs-, Fraktur-, Torsionsschmerzen, Gelenkschmerzen oder auch postoperative viszerale Schmerzen.

Anzeige

Neuropathischer Schmerz

Nervenschmerzen, fachsprachlich als neuropathische Schmerzen bezeichnet, entstehen als direkte Folge einer Schädigung der sensiblen „Gefühlsfasern“ des Nervensystems. Sie führen zu einer gestörten Schmerzverarbeitung nach

  • mechanischen (z.B. Schnitt- oder Druckverletzungen),
  • metabolischen (stoffwechselbedingten),
  • toxischen (durch Gifte) und
  • entzündlichen Verletzungen peripherer Nervenzellen (Neuronen) oder nach Verletzungen zentralnervöser Strukturen.

Damit unterscheiden sie sich grundsätzlich von allen anderen Schmerzen wie zum Beispiel Rückenschmerzen, Kopfschmerzen oder auch Tumorschmerzen. Neuropathische Schmerzen sind chronische Schmerzen. Sie bestehen auch dann noch, wenn keine Gewebeschädigung mehr vorliegt.

Anzeige

Symptome einer Neuropathie

Symptome neuropathischer Schmerzen sind Kribbeln, Brennen, einschießende elektrisierende und ausstrahlende Schmerzen, „Ameisenlaufen“ an Fußsohlen und Handflächen. Einzelne Körperteile werden zunehmend unempfindlich gegenüber Berührungen, Schmerzen und Temperaturen. Sie können aber auch von brennenden Schmerzen betroffen sein. Auch Kälte kann als Schmerz empfunden werden. Neuropathische Schmerzen treten spontan und attackenartig auf. Der Schmerz kann aber auch durch harmlose Reize verursacht werden, die normalerweise kein oder bloß ein geringes Schmerzempfinden auslösen. Man spricht in diesen Fällen von Allodynie bzw. Hyperalgesie. Unterschieden wird zwischen Positiv-Symptomen (unangenehme Übererregbarkeit der Nervenzellen) und Negativ-Symptomen (Funktionsverlust der Nervenzellen). Typische Schmerzen dieser Art sind postherpetische Neuralgie (Gürtelrose), Trigeminusneuralgie (Gesichtsschmerz) oder auch Diabetische Polyneuropathie.

Psychogener Schmerz

Neben körperlichen gibt es auch seelisch verursachte (sog. psychogene) Schmerzen, die chronisch werden können. Beim psychogenen Schmerz werden unbewältigte Probleme unbewusst als Schmerz erlebt. Der körperlich empfundene Schmerz lenkt dabei von der seelischen Ursache ab. Da es keinen real akuten Schmerz gibt, wird auf das Schmerzgedächtnis zurückgegriffen und früher bereits erlebte Schmerzen werden wieder „zum Leben erweckt”. 

Gemischter Schmerz

Ein gemischter Schmerz ist charakterisiert durch zwei Komponenten: den neuropathischen und den nozizeptiven Schmerz. Er entsteht ursächlich durch eine Schädigung oder nachfolgend durch einen chronischen Gewebedefekt (z.B. Lumboischialgie, Tumorschmerz, Engpass-Syndrom).

Vom akuten Schmerz zum chronischen Schmerzsyndrom

Ein akuter Schmerz folgt direkt auf den Schmerzauslöser und ist ein wichtiges Warnsignal des Körpers. Er dauert maximal drei Monate an und ist unabhängig von der Art seines Auslösers (Nozizeptorstimulation, neuropathisches Geschehen).

Chronische Schmerzen entstehen, weil Nervenzellen lernen und ein Gedächtnis bilden können. Schmerzwahrnehmung und Reizinterpretation erfolgen durch die Erinnerung an frühere Ereignisse. Die Nervenzellen reagieren auf den gleichen Reiz nach wiederholter Aktivierung effektiver als beim ersten Mal. Bei chronischen Schmerzen hat der Schmerz seine eigentliche Leit- oder Warnfunktion verloren und einen eigenen Krankheitswert bekommen. Er überdauert den eigentlichen Schmerzauslöser und kann weiterhin empfunden werden, lange nachdem das auslösende Schmerzereignis verheilt ist. Der Schmerz wird leichter fortgeleitet und auch bei geringeren Reizen empfunden.

Chronische Schmerzen gehen nicht selten mit Schlafstörungen, Appetitmangel, Reizbarkeit und depressiven Verstimmungen einher. Um sie zu verhindern, ist es wichtig, akute Schmerzen zum richtigen Zeitpunkt adäquat und effektiv zu behandeln oder im Rahmen einer Operation bereits vorbeugend tätig zu werden. Denn je ausgeprägter eine Chronifizierung, desto schwieriger wird die Behandlung. Typische chronische Schmerzsyndrome sind Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Tumorschmerzen oder auch Muskelschmerzen.

Attackenschmerzen

Neben akutem und chronischem Schmerz gibt es noch den Attackenschmerz. Er kehrt regelmäßig zurück bei Migräne, Spannungskopfschmerzen, Gesichtsschmerzen oder auch bei Rückenschmerzen. Attackenschmerzen sind Ausdruck länger andauernder oder auch wiederkehrender Überbelastungen des Körpers. 

Weiterlesen

Service

Anzeige
Apotheke
finden
oder
Kaufen Sie Keltican forte bei in einer Apotheke in Ihrer Nähe
Liebe Leser,
die Inhalte unseres Nervenschmerz-Ratgebers dienen ausschließlich Ihrer Erstinformation und sollten keinesfalls die Diagnose und Therapie Ihres Haus- oder Facharztes ersetzen. Bitte besprechen Sie jegliche (Selbst-)Medikation mit einem Arzt oder Apotheker.
Ihre Dr. med. Henrike Ottenjann, Ärztin und Fachjournalistin für Medizin