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Neuropathische Schmerzen nach Schlaganfall | Infos & Behandlung

Zuletzt aktualisiert am: 23.06.2016 17:25:09
Neuropathische Schmerzen nach Schlaganfall | Infos & Behandlung

Schlaganfälle (auch Apoplex oder Insult) zählen in den westlichen Industrienationen zu den häufigsten Erkrankungen des alten Menschen. So erleiden bis zu 15% aller Menschen in ihrem Leben mindestens einen Schlaganfall. Schlaganfälle sind nach Herzinfarkten die häufigste Todesursache in Deutschland und die häufigste Ursache für Behinderung und Pflegebedürftigkeit. Wichtigste Risikofaktoren sind ein chronisch erhöhter Blutdruck (arterielle Hypertonie) und ein hohes Lebensalter. Zudem spielen viele andere gefäßschädigende Faktoren wie Rauchen, Diabetes mellitus und Adipositas sowie Herzrhythmusstörungen (Vorhofflimmern) eine wichtige Rolle. Ca. 8% der Patienten, die einen Schlaganfall erleiden, entwickeln im weiteren Verlauf neuropathische Schmerzen. Darunter versteht man Schmerz, der nicht am selben Ort entsteht, an dem er empfunden wird, sondern durch Fehlfunktionen im Bereich der leitenden Nerven oder eine fehlerhafte Verarbeitung zentral im Gehirn bedingt ist.

Symptome des neuropathischen Schmerzes

Die Symptome einer Neuropathie sind sehr vielfältig. Typisches Zeichen ist eine veränderte Hautsensibilität. So kann es zu einer Überempfindlichkeit gegenüber banalen Reizen wie Wärme, Kälte oder Berührung (Allodynie) kommen. Besonderer Leidensdruck wird durch plötzlich einschießende Schmerzattacken ausgelöst. Der Schmerzcharakter ist dabei typischerweise brennend, stechend und gelegentlich dumpf. Betroffene beschreiben den Schmerz dabei „wie Feuer“ oder „wie tausend kleine Nadeln“ oder auch als Gefühl eines Stromschlages. Auch ein Wechsel der Intensität oder der Lokalisation ist keine Seltenheit. Der Schmerz kann sich dabei in allen Körperbereichen manifestieren. Durch dauerhaft hohen Leidensdruck kann es im weiteren Verlauf zu Symptomen einer Depression kommen.

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Medizinische Hintergründe

Beim Schlaganfall kommt es durch einen Verschluss der versorgenden Gefäße (ischämischer Schlaganfall) oder durch eine Blutung in das Hirngewebe (hämorrhagischer Schlaganfall) zu einer Unterversorgung des betroffenen Hirngewebes, das in der Folge absterben kann. Sind dabei schmerzverarbeitende oder schmerzleitende Strukturen wie der Thalamus betroffen, kann es zu einer sogenannten zentralen Neuropathie kommen. Durch strukturelle und biochemische Umbauvorgänge nach dem Schlaganfall entsteht eine Sensibilisierung der schmerzverarbeitenden Zellen (Wind-up). Durch diesen mit einem Lernprozess vergleichbaren Vorgang wird bei den darauffolgenden, normalerweise nicht schmerzauslösenden Erregungen eine übermäßige Antwort der Zelle mit zu starker Neurotransmitterausschüttung und damit ein Schmerzgefühl ausgelöst. Diese übermäßige Reaktion wird „gespeichert“ und führt so zu einer Chronifizierung und zu einer Schmerzempfindlichkeit auf Berührung (Allodynie).

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Diagnose und Behandlung

Die Behandlung neuropathischer Schmerzen muss immer in Abstimmung mit einem Arzt, idealerweise mit einem Facharzt für Nervenerkrankungen (Neurologen) oder einem Schmerztherapeuten (Anästhesist), abgestimmt sein. Nahezu alle infrage kommenden Medikamente sind verschreibungspflichtig. Sämtliche herkömmlichen rezeptfreien Schmerzmittel wie Acetylsalicylsäure, Paracetamol oder Ibuprofen sind bei neuropathischem Schmerz unwirksam. Prinzipiell ist die Therapie eines neuropathischen Schmerzes nicht einfach, da der Schmerz nicht am selben Ort therapiert werden kann, an dem er entsteht. So ergab eine US-amerikanische Studie, dass nur 20 Prozent aller mit neuropathischem Schmerz konsultierten Neurologen eine adäquate Therapie anbieten konnten. Oftmals ist auch das Erkennen eines Schmerzes als neuropathischer Schmerz schwierig. Wegweisend für den Arzt sind hier das ausführliche Patientengespräch (Anamnese) und die Beschreibung des typischen Schmerzcharakters. Für eine effektive Therapie sollte zunächst der Schlaganfall mit seinen Folgen ausreichend behandelt werden. Erst an zweiter Stelle steht dann die symptomatische medikamentöse Therapie. Dazu können eingesetzt werden:

  • Lokalanästhetika: Dazu werden Salben oder Injektionen am Ort des Schmerzempfindens verabreicht. Dadurch wird die Reizweiterleitung dieser Strukturen komplett unterbrochen, sodass auch eine falsche Verarbeitung der Reize unterbunden wird. Vorteil ist die geringe Zahl an Nebenwirkungen durch die lokale Anwendung.
  • Opiate: Aufgrund der vielfältigen Nebenwirkungen werden Opiate wie Morphin nur in sehr schweren Fällen von neuropathischem Schmerz eingesetzt. Dabei bekämpfen sie den Schmerz ebenfalls nicht am Ort des Empfindens, sondern zentral im Gehirn und an weiterleitenden Nervenstrukturen.
  • Capsaicin: Der als Inhaltsstoff der Chili bekannte Wirkstoff wird lokal an der Stelle des Schmerzempfindens verabreicht und hat so keine nennenswerten Nebenwirkungen auf den Gesamtorganismus.
  • Antidepressiva: Der Körper verfügt über ein eigenes System der Schmerzunterdrückung, das durch Antidepressiva verstärkt werden kann. Dadurch können Schmerzen zumindest abgemildert werden. Zudem kann eine oft als Folgeerkrankung von chronischen Schmerzen bestehende Depression mitbehandelt werden. Nachteil sind auch hier die vielfältigen Nebenwirkungen, die einen Einsatz nur in schweren Fällen empfehlen.
  • Antiepileptika (Lamotrigin): Durch hemmende Wirkung auf Ionenkanäle, die in der Weiterleitung von Schmerzen eine entscheidende Rolle spielen, können Antiepileptika zu einer Verminderung der Schmerzen beitragen. Außerdem werden verschiedene Neurotransmitter (Nervenbotenstoffe), die ebenfalls wichtig für die Schmerzentstehung sind, blockiert.

Zusätzlich können Physio- und Ergotherapien zu einer Schmerzlinderung führen. Bestehen die Schmerzen trotz aller Therapiemaßnahmen weiterhin, empfiehlt sich eine Psychotherapie, in welcher der Patient lernt, mit seinen Schmerzen umzugehen.

Vorbeugung

Wichtigste prophylaktische Maßnahme zur Verhinderung eines Schlaganfalls ist die Verringerung der Risikofaktoren wie Rauchen, Übergewicht und die korrekte Einstellung des Blutdrucks und der Zuckerwerte. Eine eventuell bestehende Herzrhythmusstörung muss ebenfalls abgeklärt und gegebenenfalls behandelt werden. Zur Verhinderung eines zweiten Schlaganfalls kann der Arzt eine lebenslange Acetylsalicylsäure-Gabe empfehlen. Kommt es dennoch zu einem Schlaganfall ist eine rechtzeitige Therapie in einem geeigneten klinischen Zentrum entscheidend. Eine nachfolgende Rehabilitation kann ebenfalls das Risiko verringern, neuropathische Schmerzen zu entwickeln. Eine effektive Schmerztherapie bei sämtlichen Schmerzen kann dazu beitragen, eine Chronifizierung der Schmerzen zu verhindern.

Quellen

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die Inhalte unseres Nervenschmerz-Ratgebers dienen ausschließlich Ihrer Erstinformation und sollten keinesfalls die Diagnose und Therapie Ihres Haus- oder Facharztes ersetzen. Bitte besprechen Sie jegliche (Selbst-)Medikation mit einem approbierten Arzt.