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Neuralgie nach Herpes zoster | Behandlung & Tipps

Zuletzt aktualisiert am: 23.06.2016 17:28:11
Neuralgie nach Herpes zoster | Behandlung & Tipps

Neuralgien nach Herpes-zoster-Infektionen (postherpetische Neuralgie) weisen einen brennenden Dauer- und Spontanschmerz auf. Oft gehen sie mit einschießenden (lanzierenden) Schmerzen einher, die teilweise bei Bewegung, aber auch durch Berührung (Allodynie = gesteigerte Schmerzempfindlichkeit) entstehen. Die betroffenen Nerven ziehen zu den sogenannten Erfolgsorganen, versorgen diese mit Informationen (efferent) und nehmen gleichzeitig Informationen (afferent) auf. Die afferenten Nervenfasern führen die Informationen über Berührungen (Sensitivität) und Schmerzen der Haut zum zentralen Nervensystem. Bei einer Entzündung der Nerven (Neuritis) durch Viren im Falle des Herpes zoster sind die Nerven gereizt und können auch nach Abklingen der akuten Infektion dauerhaft (chronisch) Schmerzen. Im Folgenden wird besonders auf die Ursache dieser Schmerzen, den Verlauf der Erkrankung und verschiedene Behandlungsmöglichkeiten eingegangen.

Verlauf einer Herpes-zoster-Infektion

Bei dem Herpesvirus (Herpesviridae) handelt es sich um ein DNA-Virus, uns zwar um das Varicella-Zoster-Virus (Humanes Herpes-Virus 3). Wie der Name bereits andeutet, ist es für gleich zwei Infektionskrankheiten verantwortlich: die Windpocken (Varizellen) und die Gürtelrose (Zoster).

Beim Varicella-Zoster-Virus handelt es sich um ein hoch kontagiöses (ansteckendes) Virus, das durch direkten Kontakt mit infiziertem Material (beispielsweise infizierte Bläschen) oder aerogen (über die Luft) übertragen wird. Bereits 6- bis 7-Jährige sind bis zu 88% durchseucht, bei den 16- bis 17-Jährigen sind es bereits 95%. Ab dem 40. Lebensjahr kann nahezu mit einer 100%igen Durchseuchung gerechnet werden, die in mehr als 95% der Fälle klinisch apparent verläuft. Das bedeutet, dass die Patienten wahrnehmbare klinische Symptome aufweisen, die Erkrankung also ausbricht.

Die Erkrankung läuft in mehreren Phasen ab: Das Varicella-Zoster-Virus verursacht bei Erstinfektion Windpocken mit den typischen Hauteffloreszenzen (juckende Hautbläschen). Die Erkrankung endet in der Latenzphase, in denen Krankheitssymptome bereits abgeklungen sind, das Virus sich jedoch in den Hinterwurzeln der Spinalganglien und der Hirnnervenganglien befindet. Ein Ganglion ist ein Nervenknoten aus Nervenzellen, der am Wirbelkanal der Wirbelsäule liegt und ebenfalls zum peripheren Nervensystem gehört. Hier kann im Falle einer Immunschwäche eine Reaktivierung stattfinden, die dann zum klinischen Bild der Gürtelrose führt.

Neuralgien nach Herpes-zoster-Infektionen (postherpetische Neuralgie) weisen einen brennenden Dauer- und Spontanschmerz auf. Oft gehen sie mit einschießenden (lanzierenden) Schmerzen einher, die teilweise bei Bewegung, aber auch durch Berührung (Allodynie = gesteigerte Schmerzempfindlichkeit) entstehen. Bis zu 34% der Patienten leiden unter postherpetischen Schmerzen. Je nach Literatur wird bei anhaltenden Schmerzen vier Wochen bis sechs Monate nach Ausbruch der Hautläsionen von einer postzosterischen Neuralgie gesprochen.

Die Zellen der Spinalganglien gehen durch die Vermehrung der Viren (Replikation) unter. Dies führt einerseits zu einer Störung der sensiblen Empfindung im betroffenen Hautareal, andererseits zu einer Allodynie. Hinzu kommt, dass die geschädigten Zellen selbst Signale senden. Diese verlaufen in beide Richtungen: nach zentral und peripher. Erreichen sie die in den Nervenenden gelegenen Nozizeptoren (Schmerzrezeptoren) in der Peripherie, führt dies zu einer Ausschüttung von Neuropeptiden, die ihrerseits eine lokale Entzündungsreaktion hervorrufen. Dieser Prozess in den Nervenenden löst eine Erweiterung der Gefäße (Vasodilatation) und eine weitere Sensibilisierung der Nozizeptoren aus. Jede Aktivierung der Nozizeptoren bewirkt eine Weiterleitung der Information „Schmerz“ nach zentral, was den dauerhaften Nervenschmerz erklärt.

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Therapie

Neben einer nicht zu vernachlässigen Spontanheilungsrate mit und ohne Therapie sollte vor Beginn jeglicher Therapie ein realistisches Therapieziel besprochen werden. In der Regel sind diese bei chronisch neuralgischen Schmerzen eine Schmerzreduktion um 30–50%, Verbesserung der Schlaf- und Lebensqualität und Erhaltung der Arbeitsfähigkeit. Medikamentös kann eine bis zu 80%ige Schmerzreduktion möglich sein, Schmerzfreiheit kann häufig nicht erreicht werden.

Bei der medikamentösen Therapie sind einerseits Medikamente aus der Gruppe der Psychopharmaka, insbesondere trizyklische Antidepressiva wie Amitriptylin, Mittel der Wahl. Neben stimmungsaufhellenden Effekten wurde ein deutlicher Schmerzrückgang verzeichnet. Andererseits werden Medikamente aus der Gruppe der Antikonvulsiva wie beispielsweise Gabapentin empfohlen, das ursprünglich zur Behandlung der Epilepsie eingesetzt wurde.

Bleiben Antidepressiva und Antikonvulsiva wirkungslos, kann ein Therapieversuch mit Wirkstoffen aus der Gruppe der Analgetika unternommen werden. Empfohlen wird die Gabe von Opioiden (Morphin, Oxycodon). Besser verträglich und nebenwirkungsärmer ist die topische (lokale) Gabe von Medikamenten. Hier eignet sich das pflanzliche Capsaicin aus der roten Paprika besonders gut. Der Effekt ist anfänglich paradox: Capsaicin führt zu einer vermehrten Ausschüttung von Substanz P aus den Nervenendigungen mit einer erhöhten Wahrnehmung von Schmerz (Hyperalgesie). Danach sind die Substanz-P-Speicher leer und es folgt ein Abklingen der Entzündung und somit auch des Schmerzes. Die Anwendung sollte mindestens 6 Wochen erfolgen, die anfängliche Schmerzzunahme kann die Anwendung allerdings einschränken.

Eine weitere Therapiemöglichkeit stellt die Behandlung mit Lokalanästhetika enthaltenden Pflastern (Schmerzpflaster), Salben oder Sprays dar. Da von chirurgischen Interventionen besonders in frühen Stadien des Krankheitsverlaufes weitestgehend abgeraten werden kann, wird vermehrt zu nichtmedikamentösen Therapien geraten. Bei erhaltener Hautsensibilität kann die transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS) Linderung verschaffen. Dabei werden die peripheren Nerven über Hautelektroden elektrisch gereizt. Da chronische Schmerzen oft mit anderen psychischen Begleiterkrankungen wie Depressionen und störenden Sinneswahrnehmungen einhergehen, empfiehlt sich eine Psychotherapie. Sie ist eine wichtige Komponente mehrerer Therapieansätze und lehrt vor allen Dingen die Schmerzbewältigung, verbessert die Compliance und Lebensqualität der Patienten. Um die Funktion des betroffenen Areals zu erhalten, Schmerzen zu lindern und Fehlregulationen zu beseitigen, wird zu einer Kombination aus Physiotherapie und Ergotherapie geraten.

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Zu beachten

Chronische Schmerzen wie bei der postherpetischen Neuralgie bedeuten meist eine Einschränkung der Lebensqualität und eine nicht zu unterschätzende psychische Belastung für den Patienten. Das Therapiekonzept sollte daher multimodal aufgebaut sein, das heißt, dass neben der medizinischen Behandlung und körperlichen Aktivierung eine psychotherapeutische Komponente und ergotherapeutische Behandlungsteile nahezu gleichwertig nebeneinander existieren sollten. Neben all den genannten Therapiekonzepten darf auch nach länger bestehenden postherpetischen Neuralgien auf eine Spontanremission (teilweise oder komplettes Verschwinden einer Krankheit ohne relevanten ärztlichen Eingriff) gehofft werden.

Quellen

  • Herbert Hof, Rüdiger Dörries: Duale Reihe Medizinische Mikrobiologie. Georg Thieme Verlag, 2009, S. 245.
  • Birgid Neumeister et al.: Mikrobiologische Diagnostik. Georg Thieme Verlag, 2009, S. 746.
  • Detlef E.  Rosenow et al.: Neurogener Schmerz. Springer, 2005, S. 218 ff.
  • Ralf Baron, „Leitlinie Pharmakologisch nicht interventionelle Therapie chronisch neuropathischer Schmerzen“, http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/030-114.html, 30.05.2015
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