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Neuralgie (Nervenschmerzen) | Ursachen, Symptome & Behandlung

Zuletzt aktualisiert am: 23.06.2016 17:41:04
Neuralgie (Nervenschmerzen) | Ursachen, Symptome & Behandlung

Nervenschmerzen, auch als neuropathische Schmerzen oder Neuralgie bezeichnet, werden durch eine Schädigung der "Gefühlsfasern" des Nervensystems verursacht. Darin unterscheiden sie sich grundsätzlich von allen weiteren Schmerzarten wie Kopf-, Rücken- oder Tumorschmerzen. Verantwortlich für derartige Beschwerden ist eine durch die Nervenschädigung ausgelöste Aktivierung der Schmerzbahn, einer für die Wahrnehmung der Schmerzen zuständigen Nervenendigung.

Was sind Nervenschmerzen und wodurch werden sie hervorgerufen?

Neuralgien sind nach Definition Schmerzen, die in das Ausbreitungsgebiet eines oder mehrerer Nerven ausstrahlen und zugleich von diesen ausgelöst werden. Zu den typischen Symptomen zählen:

  • brennende Dauerschmerzen
  • Fehlempfindungen
  • Hyperpathien und Hyperästhesien
  • Druckschmerzhaftigkeit von Muskeln und Nerven
  • socken- bzw. handschuhförmige Sensibilitätsstörungen

Nervenschmerz kann aufgrund verschiedenartiger Schädigungen der Nerven auftreten. Als häufiger Auslöser gilt beispielsweise der Bandscheibenvorfall. Eine andere Art von Nervenschädigung liegt bei einer gleichzeitigen Erkrankung vieler Nerven, der Polyneuropathie, vor. Diese führt unter anderem bei Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) zu brennenden Nervenschmerzen in den Füßen. In diesem Fall ist der permanent erhöhte Blutzuckerspiegel die Ursache für den Schaden an den feinen Nervenendigungen. Auch Herpes Zoster kommt als Verursacher für eine Neuralgie infrage. Hierbei resultiert der Schmerz in der Haut aus der Reaktivierung von Viren, die nach einer Infektion mit Windpocken in den Hirnnerven und den Nervenwurzeln des Rückenmarks verblieben sind. Werden sie durch Stress oder infolge eines im Alter schwächeren Immunsystems wieder aktiv, können noch Wochen und Monate nach Abklingen der Gürtelrose die Nerven schmerzen.

Nervenschädigungen oder -durchtrennungen bei Unfällen oder Operationen ziehen ebenfalls häufig Nervenschmerzen nach sich. Ähnliches gilt für das Krankheitsbild des Phantomschmerzes, das sich bis heute nicht vollständig erklären lässt. Bei diesem werden Schmerzen in Körperteilen verspürt, die im Rahmen einer Amputation entfernt wurden. Darüber hinaus können Neuralgien nach starkem Zusammendrücken der Nerven, dem sogenannten Engpass-Syndrom, auftreten. Hier ist zum Beispiel das Karpaltunnel-Syndrom des Handgelenks zu nennen, das mit Nervenschmerzen, aber auch mit Ausfällen wie einem Taubheitsgefühl oder einer Muskellähmung einhergeht. Bei älteren Menschen, die unter Sensibilitätsstörungen leiden, kann ebenso ein Vitamin-B12-Mangel ursächlich für die Beschwerden sein. Dieser wird unter anderem durch bestimmte Medikamente wie Protonenpumpenhemmer bewirkt. Eine gestörte Verdauung kommt gleichfalls als Grund für neuropathische Schmerzen infrage. Frühe Symptome dafür sind Konzentrationsstörungen, Müdigkeit und Depressionen.

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Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Um Nervenschmerzen angemessen behandeln zu können, ist zunächst eine adäquate diagnostische Abklärung erforderlich. Je mehr Hinweise im Verlauf der Befragung und Untersuchung des Patienten auf neuropathische Schmerzen nach der Definition hindeuten, desto sicherer lässt sich eine entsprechende Diagnose stellen. Die Diagnostik sollte sowohl eine körperliche als auch eine klinisch-neurologische Untersuchung inklusive der Prüfung der Hautempfindlichkeit, der Muskelkraft sowie der Reflexe umfassen. Sie kann um Schmerzfragebögen, eine Schmerzzeichnung und weitere Spezialtests wie die Neurografie (Bestimmung der Nervenleitgeschwindigkeit), QST (quantitativ sensorischer Test zur Prüfung der Hautempfindlichkeit), SEP (somatosensibel evozierte Potenziale zum Prüfen der kompletten Gefühlsbahn von der Haut bis ins Gehirn) erweitert werden.

Darüber hinaus kommen oft moderne bildgebende Verfahren zur Anwendung, beispielsweise die Computertomographie (CT) oder die Magnetresonanztomografie (MRT, Kernspintomografie). Diese können Nervenschädigungen direkt sichtbar machen. Sofern sich der betroffene Nerv nicht durch eine Operation entlasten lässt, gestaltet sich die Behandlung von Neuralgien oftmals schwierig. Völlige Schmerzfreiheit wird nur selten erreicht. Daher werden vor Therapiebeginn in Zusammenarbeit mit dem Patienten realistische Therapieziele erörtert, um keine zu hohen Erwartungen zu wecken. Gemäß der von der Deutschen Schmerzgesellschaft (DGS) herausgegebenen Leitlinie für die Therapie neuropathischer Schmerzen gelten folgende Ziele als realistisch:

  • die Schmerzminderung um > 30 bis 50 Prozent
  • die Verbesserung der Lebensqualität
  • die Verbesserung der Schlafqualität
  • der Erhalt der Arbeitsfähigkeit
  • der Erhalt sozialer Aktivitäten und Beziehungen

Die Behandlung neuropathischer Schmerzen baut auf einer auf die jeweilige Situation abgestimmten medikamentösen Therapie auf. Diese dient der Linderung der Beschwerden, bis die geschädigten Nerven sich so weitgehend als möglich regeneriert haben. Hierbei kommen unterschiedliche Wirkprinzipien, gegebenenfalls auch in Kombination, zur Anwendung. Am Anfang steht in der Regel die Gabe von Medikamenten wie Schmerzmitteln, Antidepressiva und antiepileptischen Mitteln, die dabei helfen, die Beschwerden erträglicher zu gestalten.

Die bei Nervenschmerzen verwendeten Antidepressiva sind geringer dosiert als die zur Behandlung einer Depression verordneten. Grund hierfür ist die abweichende Wirkung dieser Mittel in Zusammenhang mit Schmerzen. Bei schnell einschießendem Schmerz wird gemeinhin mit Antikonvulsiva oder Opioiden therapiert. Handelt es sich hingegen um einen Dauerschmerz, werden eher Antidepressiva oder klassische Schmerzmittel in geeigneter Stärke angewandt. Hiermit wird jedoch weder die Ursache bekämpft, noch möchte jemand dauerhaft Tabletten schlucken müssen.

Osteopathie und Physiotherapie können ebenfalls dienlich sein. Insbesondere bei der Trigeminusneuralgie führt manchmal eine Operation zur Linderung der Schmerzen. Bei diesem Verfahren werden die Nervenwurzeln durchtrennt, um die Nervenschmerzen zu stoppen. Immer mehr Ärzte setzen zusätzlich auf homöopathische Arzneimittel. Eine Akupunktur bietet sich gleichermaßen an, da die feinen Nadeln Verspannungen lösen und den Druck auf den Nerv verringern. Da Nervenschmerzen auch Zeichen einer Überbelastung sein können, kann auch ein innerer Ausgleich dabei helfen, sie dauerhaft verschwinden zu lassen. Sobald von den Nerven ein brennender Schmerz ausgeht, ist es außerdem empfehlenswert, auf Zigaretten und Alkohol zu verzichten. Als hilfreich erwiesen haben sich überdies Wärmepackungen und das grundsätzliche Vermeiden von Erkältungen und Unterkühlung.

Welche körperlichen und psychischen Folgen ziehen Neuralgien nach sich?

Die Erkrankung an neuropathischen Schmerzen führt neben den dadurch verursachten körperlichen Einschränkungen zu weiteren unangenehmen Auswirkungen auf das Muskel- und Skelettsystem. Die Betroffenen schonen sich vermehrt, um die Beschwerden auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. Diese Schonung bewirkt jedoch bereits nach kurzer Zeit einen Abbau der Muskulatur und der Ausdauer und damit zur verminderten Leistungsfähigkeit. Dies hat wiederum einen ungünstigen Einfluss auf die Schmerzerkrankung, woraus sich ein Teufelskreis entwickeln kann. Wenn an den Nerven der Schmerz nicht mehr aufhören will, werden neben dem Körper auch der Geist und die Psyche in Mitleidenschaft gezogen.

Die Nervenschmerzen wirken sich auf die gesamte seelische Befindlichkeit und die ganze Person aus. Dabei macht es einen großen Unterschied, wann, wo und in welcher zeitlichen Ausdehnung die Beschwerden auftreten - ob sie die Ruhephasen stören oder ob sie pausenlos da sind, ob sie in Abhängigkeit zu bestimmten Haltungen, Aktivitäten oder Überbeanspruchung spürbar werden oder ob sie in Attacken kommen. Insbesondere beim attackenartigen Einsetzen der Schmerzen können diese die gesamte Persönlichkeit beherrschen und jeden weiteren Gedanken oder jede andere Tätigkeit zunichtemachen. Häufig gesellen sich unangenehme Erscheinungen wie Schwellungen und Rötungen der schmerzenden Körperteile, Schwitzen, Schwindel, Übelkeit, Erbrechen oder Schwächegefühle hinzu, die zum Teil ebenso belastend sind, wie der Schmerz selbst. Besonders quälend ist die Störung des Nachtschlafs, vor allem, wenn am Tag wieder der volle Einsatz der Kräfte gefordert ist.

Einige Patienten empfinden es als hilfreich, in schlimmen Schmerzphasen den Kontakt zu anderen Menschen zu vermeiden und sich zurückzuziehen. Sie bleiben dann lieber allein, als sich darum sorgen zu müssen, dass sie andere mit ihrem Schmerz hilflos und unglücklich machen. Zudem beinhalten Aufenthalte in Menschenansammlungen die Gefahr, ungeschickt angefasst oder gestoßen zu werden. Viele Betroffene finden sich selbst als Mensch durch die Nervenschmerzen verändert. Sie berichten von einer Zunahme ihrer Reizbarkeit, Missmut, depressiven Verstimmungen, Unlust und Antriebslosigkeit. Auch das Verzichten auf bisher wichtige Dinge und Aktivitäten, beispielsweise Sport, die Pflege des Freundeskreises und Freizeitbeschäftigungen, schränken die Lebensfreude und die Lebensqualität ein. Vor allem der Verzicht auf liebgewonnene Tätigkeiten und Freunden kann viel Bitterkeit schaffen.

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