Schmerztherapie

Medikamentöse Behandlung bei chronischen Schmerzen

Zuletzt aktualisiert am: 18.10.2016 10:24:40
Medikamentöse Behandlung bei chronischen Schmerzen

Die Behandlung chronischer neuropathischer Schmerzen ist eine langfristige Therapie, die nicht nur Geduld, sondern auch immer wieder eine Anpassung von Dosis und Art der Medikation erfordert. Bei neuropathischen Schmerzen ist die Therapie manchmal mit einem einzigen Wirkstoff möglich. In vielen Fällen ist für eine ausreichende Schmerzlinderung allerdings eine Kombination mehrerer Medikamente erforderlich.

Das Stufenschema der Weltgesundheitsorganisation WHO kann im Rahmen einer Schmerztherapie als Orientierungshilfe dienen, da es einige (wenn auch nicht alle) möglichen Substanzen nennt. Zunächst sollten immer die Ursachen gesucht und gegebenenfalls behandelt werden. So kann bei Diabetes die Zuckereinstellung optimiert werden, während bei einem Karpaltunnelsyndrom eine Operation erfolgsversprechend ist. Für die symptomatische Therapie mit Medikamenten stehen mehrere Substanzgruppen zur Verfügung, die sich durch ihre Wirkansätze unterscheiden.

Realistisches Ziel einer medikamentösen Therapie ist nicht die völlige Schmerzfreiheit, sondern eine Linderung der Schmerzen um 30 bis 50 Prozent. Außerdem geht es um die Verbesserung der Schlafqualität, den Erhalt der sozialen Fähigkeiten und der Arbeitsfähigkeit. Eine erfolgreiche Behandlung gelingt dabei nicht nur durch die richtige Medikamentenwahl. Sie erfordert auch eine regelmäßige und konsequente Einnahme. Die Präparate sollten möglichst lange wirken, damit der Patient nicht ständig an seine Schmerzen erinnert wird und er seinen Tagesablauf möglichst frei planen kann. Neben Tabletten und Spritzen stehen wirkstofftragende Pflaster zur Verfügung.

Das WHO-Stufenschema bei chronischen Schmerzen

Chronische Schmerzen werden gemäß dem WHO-Stufenschema zur Tumorschmerztherapie behandelt. Dieses Schema ist eine Orientierungshilfe, aber keine Richtlinie: Es muss also nicht zwingend in Stufe 1 begonnen werden. Grundsätzlich gilt der kombinatorische Ansatz von Medikation plus nicht-medikamentöse Verfahren wie Physiotherapie, Entspannungsverfahren, etc.

  • Stufe 1 sieht nicht-opioid-haltige Medikamente (Analgetika) wie z.B. Azetylsalizylsäure, Ibuprofen, Diclofenac vor. Diese haben eine schmerzstillende und stark entzündungshemmende Wirkung und sind deswegen besonders gut gegen Arthroseschmerzen oder andere entzündlich bedingte Schmerzen im Bereich des Bewegungsapparates geeignet. Bei nicht-entzündlichen Nervenschmerzen sind die Medikamente der ersten Stufe des WHO-Schemas meistens wirkungslos. Weitere Substanzen der Stufe 1 sind Naproxen oder Paracetamol, Metamizol, Novaminsulfon und Coxibe. Ihr Einsatz kann bei nicht-entzündlichen leichten Schmerzen erfolgen.
  • In Stufe 2 werden schwach wirkende Opium-ähnliche Schmerzmittel wie z.B. Tramadol oder Tilidin + Codein + nicht-opioid-haltige Medikamente empfohlen. Die schwach wirkenden Morphin-Abkömmlinge sind zentral wirksam und beeinflussen eher die Schmerzweiterleitung und Schmerzverarbeitung in Rückenmark und Gehirn. Sie bergen ferner die Gefahr einer Abhängigkeit. 
  • In Stufe 3 werden stark zentral wirkende Opium-ähnliche Schmerzmittel empfohlen wie z.B. Morphin oder Oxycodon oder Fentanyl + nicht-opioid-haltige Medikamente. Ihr Einsatz erfolgt nur bei sehr starken Schmerzen. Opiate beeinflussen die zentrale Schmerzverarbeitung im Gehirn. Sie bergen die Gefahr einer Abhängigkeit.
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Welche Medikamente helfen bei Nervenschmerzen?

Analgetika

Bei den Analgetika unterscheidet man hoch- und niederpotente Opioide (Tramadol, Morphin, Oxycodon, Cannabis) und Nicht-Opioide wie Lidocain und Capsaicin oder auch NSAR, Paracetamol und Metamizol. Die drei Letztgenannten sind bei neuropathischen Schmerzen kaum wirksam. Capsaicin ist wirksam bei diabetischer Neuropathie oder dem Post-Zoster-Schmerz. Lidocain wirkt bei peripheren neuropathischen Schmerzen und lindert Allodynie und Hyperalgesie. Hochpotente Opioide sprechen gut auf neuropathische Schmerzen an. Starke Opioide fallen unter das Betäubungsmittelgesetz. Nach genauer Indikationsstellung und unter strenger Überwachung ist eine Therapie sicher über eine lange Zeit möglich, ohne dass es zu einer Dosiserhöhung oder Toleranzentwicklung kommt. Analgetika gibt es als Tabletten, in Spritzen, in Cremes oder in Pflasterform.

Antiepileptika

Antiepileptika (Arzneimittel zur Behandlung epileptischer Anfälle, auch Antikonvulsiva genannt) haben verschiedene Wirkansätze und können kombiniert eingesetzt werden. Grundsätzlich reduzieren sie die Spontanschmerzen wie z.B. Schmerzattacken. Zu dieser Substanzgruppe gehören Carbamazepin, Lamotrigin, Phenytoin, Gabapentin, Oxcarbazepin oder auch Pregabalin. Sie zeigen – je nach Substanz – gute Effekte bei Trigeminusneuralgie, schmerzhafter diabetischer Polyneuropathie, zentralem Schmerzsyndrom, Guillain-Barré-Syndrom, Phantomschmerzen und Rückenmarks- und Wirbelsäulenverletzungen.

Antidepressiva

In einer niedrigen Dosis reduzieren trizyklische Antidepressiva (TCA) wirksam die Schmerzen, haben aber keine antidepressive Wirkung. Sie führen zu einer Verminderung der Hyperalgesie (übermäßiges Schmerzempfinden) und Allodynie (Schmerzreaktion auf harmlose Reize). Der positive Effekt ist z.B. bei schmerzhafter Polyneuropathie, der postzosterischen Neuralgie, beim zentralen Schmerzsyndrom oder der schmerzhaften diabetischen Polyneuropathie belegt.

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Welche Medikamente helfen bei Nervenschmerzen nicht?

Bei Nervenschmerzen helfen nichtsteroidale Antirheumatika (abgekürzt NSAR) wie Diclophenac, Ibuprofen oder Naproxen wenig oder gar nicht. Ebenso wenig geeignet sind hier sonst gängige Schmerzmittel wie Paracetamol und Metamizol.

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die Inhalte unseres Nervenschmerz-Ratgebers dienen ausschließlich Ihrer Erstinformation und sollten keinesfalls die Diagnose und Therapie Ihres Haus- oder Facharztes ersetzen. Bitte besprechen Sie jegliche (Selbst-)Medikation mit einem Arzt oder Apotheker.
Ihre Dr. med. Henrike Ottenjann, Ärztin und Fachjournalistin für Medizin