Schmerztherapie

Multimodale Therapie bei chronischen Schmerzen

Zuletzt aktualisiert am: 04.08.2016 13:56:42
Multimodale Therapie bei chronischen Schmerzen

Chronische Schmerzen beeinflussen nicht nur die körperliche Verfassung eines Menschen. Wenn ein Schmerz ständig präsent ist, dann hat dies auch Auswirkungen auf die Psyche, also auf das seelische Wohlbefinden. Je länger ein Betroffener sich in diesem Zustand befindet, desto stärker verfestigt sich auch die negative Empfindung in seinem Bewusstsein.  Es können Depressionen entstehen und auch das soziale Umfeld wird in diesen Teufelskreis mit einbezogen, da Schmerzpatienten sich oft zurückziehen. Daher sollte eine erfolgreiche Schmerztherapie nicht nur den Schmerz an sich behandeln, sondern sich im Gesamten auf den Betroffenen und seine individuellen mit dem Schmerz verbundenen Probleme konzentrieren.

Therapieziele und Therapieansätze bei chronischen Schmerzen

Sofern Schmerzen länger anhalten oder chronisch sind, ist Schmerzfreiheit in der Schmerztherapie ein hohes Ziel, das nur in den seltensten Fällen erreicht wird. Das wirkliche und ehrliche Ziel heißt Schmerzlinderung: Eine Reduzierung der Schmerzen um 30 bis 50 Prozent ist dabei realistisch. Um dies zu erreichen, geht es meist um eine symptomatische Therapie, das heißt darum, die Krankheitsanzeichen zu behandeln. Seltener geht es um eine ursächliche Therapie. Die operative Behebung der Einengung des N. medianus beim Karpaltunnelsyndrom ist ein Beispiel für eine ursächliche Behebung der Beschwerden genauso wie die Optimierung der Blutzuckereinstellung bei schmerzhafter diabetischer Neuropathie.

Wie oben schon erwähnt, sollte eine Schmerztherapie mulitmodal (vielfältig) erfolgen, um die Schmerzen zu reduzieren, den Schlaf zu verbessern, die Lebensqualität zu erhöhen und um soziale Aktivitäten sowie den Arbeitsplatz zu erhalten. Dabei werden verschiedene Therapiemaßnahmen auf die jeweils individuelle Situation des Patienten und seine psychische und soziale Situation abgestimmt. Medikamente und nicht-medikamentöse Verfahren werden möglichst sinnvoll miteinander kombiniert. Medikamente mit unterschiedlichen Wirkprinzipien werden, allein oder auch in Kombination, geschluckt, geschmiert, geklebt oder gespritzt. Zusätzliche medikamentöse Verfahren sind Interventionen wie z.B. Nervenblockaden oder auch Infiltrationen.

Je nach Fall und Ausprägung der Beschwerden können zusätzlich körperliche Maßnahmen und/oder auch eine Psychotherapie sinnvoll sein. Dabei geht es dann um körperliches, gedankliches und verhaltensbezogenes Üben unter ärztlicher Kontrolle. Der Patient muss lernen, seinen Schmerz zu verstehen und mit ihm umzugehen. Grundsätzlich ist wichtig, dass alle Therapeuten – ein Team aus Ärzten, Schmerztherapeuten, Physiotherapeuten und Psychologen/Psychotherapeuten, Ergotherapeuten, Pflegekräfte, Musiktherapeuten, Tanztherapeuten und Sozialarbeitern – zusammen nach einem gemeinsamen Konzept arbeiten. Der Patient muss diesem breiten Therapiekonzept offen begegnen und sich darauf einlassen können. Nur so kann die Behandlung langfristig Erfolg zeigen.

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Drei Säulen der multimodalen Schmerztherapie
 

I. Körperliche Behandlungsansätze

  • Physiotherapie
  • Wahrnehmungsschulung 
  • Körperliche Aktivierung 
  • Atemtherapie 
  • Krankengymnastik und Physiotherapie mit Selbstanleitung 
  • Medizinische Trainingstherapie einzeln und in der Gruppe (Ausdauer-, Kraft- und Beweglichkeitstraining, Gerätetraining) 
  • Ergotherapie 
  • Kunsttherapie 
  • Arbeitstherapie („work hardening“ unter ergotherapeutischer Anleitung)

II. Psychologische Therapiemöglichkeiten

  • Schmerzbewältigungstraining
  • Training gesunden Verhaltens
  • Partnertherapie
  • EMG-Biofeedback  
  • Veränderung schmerzfördernder Bedingungen 
  • Informationsgruppen rund um den chronischen Schmerz 
  • Stressbewältigungstraining 
  • Biofeedback 
  • Erlernen von Entspannungsverfahren 
  • Training sozialer Kompetenz 
  • Erlernen neuer Schmerzbewältigungsstrategien (Aufmerksamkeitsfokussierung, Imagination, Selbstinstruktion)

III. Ärztliche Therapie

  • Beurteilung und Kontrolle medizinischer Erkrankungen
  • Beurteilung apparativer Befunde
  • Medikamentenüberwachung und Medikamentenentzug
  • Vermittlung von Information zu medizinischen Themen der Schmerzdiagnostik und -therapie (Entstehung von chronischem Schmerz, Wirkweise von Medikamenten) 
  • Vermeidung von invasiven oder operativen Verfahren während des Programms 
  • Vermittelnde Funktionen zur Förderung des Krankheitsverständnisses
  • Erläuterung eines Krankheitsmodells, das dem Patienten eigenes Handeln ermöglicht
  • Sicherstellung der Weiterführung des Konzeptes nach Beendigung der multimodalen Therapie durch Arztbrief und Absprachen mit weiterbehandelnden Ärzten und Therapeuten

Darüber hinaus können aber auch alternative Maßnahmen hilfreich sein wie z.B.:

  • Akupunktur (Traditionelle chinesische Heiltherapie, 365 Akupunkturpunkte können mit Hilfe feinster Nadeln stimuliert werden),
  • Akupressur (Mit einer bestimmten Druckmassagetechnik werden die von der Akupunktur bekannten Punkte auf den Meridianen massiert),
  • Osteopathie (Funktionsstörung wie Gelenkbewegungen, Herzschlag, Atmung, Darmperistaltik werden etc. erkannt und behandelt, indem die normale Beweglichkeit wieder herstellt wird),
  • Neuraltherapie (Krankheiten und Schmerzzustände werden mittels Injektionen von Lokalanästhetika behandelt. Es wird versucht, Ursachen von Schmerzen und anderen Beschwerden zu ergründen und zu heilen),
  • Hydro-(Wasserheilverfahren), Thermo-(Wärme) oder Atemtherapie sowie
  • Qigong (Atem- und Meditationstechnik, bei der Energieströme im Körper harmonisiert sowie Gesundheit und Leistungsfähigkeit gefördert wird).
  • Yoga (körperliche und geistige Übungen, um mit dem Körper in innerem Frieden zu leben)
  • Klangschalentherapie
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Ziele einer multimodalen Behandlung

Dem Betroffenen soll durch diese vielfältige Therapiestrategie geholfen werden, den Alltag besser zu bewältigen, sich aus dem Schmerzkreislauf zu befreien und damit seine Lebensqualität insgesamt zu verbessern. Alltagstätigkeiten sollen wieder möglich und die Arbeitsfähigkeit wieder hergestellt werden.  Dies soll heißen, dass der Schmerzpatient sich wieder auf sein Leben und nicht nur den Schmerz konzentrieren lernt und auch wieder Freude an Hobbies, Sport, sozialem Kontakt und der bisher nachgegangenen Arbeit findet. Im körperlichen Bereich soll eine Steigerung der Fitness, der Belastung, Koordination und Körperwahrnehmung erreicht werden. Psychotherapeutische Verfahren sollen die  seelische Beeinträchtigung verringern.

Persönliche Voraussetzungen für eine multimodale Therapie

Grundvoraussetzung für eine multimodale Behandlung ist, dass der Patient auch die nötige Motivation und Akzeptanz für die verschiedenen Therapieansätze (Körper- und Psychotherapie sowie aktive Übungs- und Bewältigungstherapien) mitbringt. Zum einen ist dafür natürlich der Betroffene selbst verantwortlich, sich den Möglichkeiten zu öffnen. Zum anderen sollen ihm aber auch die behandelnden Ärzte die Bestärkung und das Vertrauen auf den Therapieerfolg vermitteln.

Erfolgsaussichten der multimodalen Schmerztherapie

Die Wirksamkeit eines multimodalen Therapieprogramms ist in verschiedenen Studien untersucht und belegt worden und die Ergebnisse sind gut und nachhaltig. Selbst nach Therapieende sind weitere Verbesserungen zu erwarten. Die bedeutet, dass man dem Patienten motivierende Erfolge in Aussicht stellen und ihm somit schon Kraft und Mut vor Beginn der Therapie mitgeben kann.

Wo wird die modale Schmerztherapie durchgeführt?

Eine multimodale Therapie kann ambulant in einem Schmerzzentrum, in der Schmerzambulanz oder einer Schmerztagesklinik durchgeführt werden. Diese speziellen Einrichtungen bieten ein umfangreiches Leistungsspektrum an: Jeder Mensch ist verschieden und hat unterschiedliche Bedürfnisse, die sich auch in der Therapie widerspiegeln und beachtet werden müssen. Manch ein Patient ist nach wenigen Wochen gut eingestellt, ein anderer Patient braucht eine längere Betreuungsphase. Das hängt auch vom Grad und der Art der Schmerzen ab und ist eine Fall-zu-Fall-Entscheidung. In sehr schweren Fällen ist auch ein stationärer Aufenthalt in einer Schmerzklinik oder auf chronische Schmerzen spezialisierte Reha-Klinik, in der Regel für zwei bis drei Wochen, eine mögliche Alternative.

Welche Behandlung, wo und für wie lange nötig ist, ergibt sich bei Therapiebeginn und wird individuell für jeden Patienten entschieden. Bei einer wirkungsvollen multimodalen Schmerztherapie wird der Betroffenen in alle Entscheidungen mit einbezogen. Dies wird schließlich auch bei der Form und Dauer der Therapie berücksichtigt, um so die Aussicht auf Erfolg für die Behandlung und, was das Wichtigste ist, auf eine verbesserte Lebensqualität für den Patienten optimal zu ermöglichen.

 Weiterlesen: Hilfe finden: Anlaufstellen und Behandlungszentren für Schmerzpatienten
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Liebe Leser,
die Inhalte unseres Nervenschmerz-Ratgebers dienen ausschließlich Ihrer Erstinformation und sollten keinesfalls die Diagnose und Therapie Ihres Haus- oder Facharztes ersetzen. Bitte besprechen Sie jegliche (Selbst-)Medikation mit einem Arzt oder Apotheker.
Ihre Dr. med. Henrike Ottenjann, Ärztin und Fachjournalistin für Medizin