Interventionelle Verfahren in der Schmerztherapie

Die interventionelle Schmerztherapie wird erst dann eingesetzt, wenn alle nicht-operativen Möglichkeiten ausgereizt sind oder starke Nebenwirkungen zeigen. Sie sind wegen möglicherweise auftretender Komplikationen zudem nur speziellen Zentren vorbehalten. 

Interventionelle Verfahren bei Nerven-, Gelenks- oder auch Rückenschmerzen wirken direkt am erkrankten Gewebe. Dazu werden Wirksubstanzen lokal unter die Haut, in die Muskulatur oder in die Nervenwurzeln gespritzt. Oder es wird versucht, durch elektrische Stimulation Nerven lokal auszuschalten oder die Leitung von Schmerz zu verändern. Diese Verfahren kommen sowohl bei peripheren als auch bei zentralen Nervenschmerzen zum Einsatz. 

Neuromodulative Verfahren

Neuromodulation meint die Elektrostimulation von Nerven am Rückenmark oder die Verabreichung von Medikamenten über Implantate. Beispiele sind die Spinal Cord Stimulation (SCS), elektrische Rückenmarkstimulation im Spinalkanal, repetitive transkranielle Magnetstimulation (rTMS), die Motorkortexstimulation (MCS) oder auch das Einsetzen einer Schmerzpumpe für eine rückenmarksnahe Medikamentengabe. Diese Methoden können dann eine Option sein, wenn die Schmerzen mehr als ein Jahr anhalten, mindestens drei Medikamente keinen Effekt zeigen und wenn die Schmerzbewertung auf der VAS-Skala über sieben Tage den Wert 5 überschreitet. Keine Anwendung finden diese Verfahren z.B. bei Epileptikern, bei Schrittmacher-Patienten und während der Schwangerschaft. Die MCS kann invasiv oder nicht invasiv sein – SCS und rTMS sind in jedem Fall invasiv und wirken auf das zentrale Nervensystem.

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Rückenmarkstimulation via Spinal Cord Stimulation

Die Rückenmarkstimulation oder Spinal Cord Stimulation (SCS) ist die am häufigsten verwendete Methode und dient der Stimulation des zentralen Nervensystems auf Rückenmarksebene. Sie wird besonders oft beim komplexen regionalen Schmerzsyndrom und bei Phantomschmerzen eingesetzt. Im Rahmen einer minimal-invasiven Operation in Lokalanästhesie wird eine Elektrode im Bereich des Rückenmarks eingepflanzt und über ein nach außen abgeleitetes Verbindungskabel mit dem Impulsgenerator verbunden. Stärke und Dauer der Impulse werden über ein Programmiergerät von den Patienten selbst geregelt. Die winzigen Stromimpulse wirken über bestimmte Nervenfasern auf die Schmerzweiterleitung zum Gehirn. Patienten können einige Wochen nach dem Eingriff wieder an den Arbeitsplatz zurückkehren.

Gehirnstimulation via MCS oder rTMS

Die MCS-Implantation (Motorcortex-Stimulation) kommt bei neuropathischen Schmerzen, die auf alle anderen Therapien nicht ansprechen oder auch bei Phantomschmerzen zur Anwendung. Diese Methode führt bei fast jedem zweiten Patienten zu relevanten, d.h. spürbaren therapeutischen Kurz- bzw. Langzeiteffekten. Die rTMS (repetitive transkranielle Magnetstimulation) ist ebenfalls ein Verfahren, das erst nach operativem Einbringen von Elektroden im Gehirn funktioniert. Das Magnetfeld einer Magnetspule generiert einen elektrischen Strom, der indirekt oder direkt auf die Nervenzellen des Großhirns wirkt. Bisherige Studienergebnisse zeigen eine gute Schmerzreduktion vor allem bei Trigeminusneuralgie und zentralen Schmerzen, allerdings hielt die Schmerzreduktion meist nur einige Tage an. Bei Stimulation an fünf aufeinander folgenden Tagen hielten die Effekte bis zu drei Wochen an.

Patientengesteuerte Direktzufuhr von Schmerzmitteln

Eine Schmerzpumpe bewirkt eine Abgabe der Wirkstoffe (Opiode, Lokalanästhetika) in den Liquorraum, der das Gehirn und Rückenmark umgibt. Sie kommt in Betracht, wenn wirklich alle konventionellen Verfahren ausgeschöpft sind oder intolerable Nebenwirkungen auftreten, die nicht durch entsprechende Begleitmedikation vermindert werden können. Patienten können die Dosis individuell entsprechend ihren Bedürfnissen anpassen. Im Vergleich zu einer venösen oder oralen Gabe ist eine effektivere Schmerzkontrolle durch hohe Wirkstoffkonzentration am Rezeptor möglich. Insgesamt wird eine geringere Wirkstoffdosis benötigt, damit treten geringere Nebenwirkungen auf.

Neurodestruktive Verfahren

Neurodestruktive Verfahren wie eine Nervenblockade oder auch Neurolyse haben zum Ziel, Schmerzen durch lokale Ausschaltung schmerzleitender Strukturen zu beeinflussen. Sie können bei komplexen regionalen Schmerzsyndromen und bei einer akuten Gürtelrose hilfreich sein. Vor einer Neurolyse wird zunächst eine diagnostische Nervenblockade durchgeführt. CT-gesteuert wird über eine dünne Punktionsnadel ein Lokalanästhetikum an den jeweiligen Nerv injiziert, um die Wirkung zu testen. Danach kann eine Nervenverödung z.B. mit Phenol oder Alkohol erfolgen. Die Leitfähigkeit des Nervs wird unterbrochen, die Weiterleitung des Schmerzes damit verhindert. Innerhalb von Wochen oder Monaten kommt es zu einer deutlichen Schmerzreduktion oder kompletten Schmerzbeseitigung. Allerdings kann der Schmerz zurückkehren, wenn der Nerv wieder funktionsfähig wird. 

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Liebe Leser,
die Inhalte unseres Nervenschmerz-Ratgebers dienen ausschließlich Ihrer Erstinformation und sollten keinesfalls die Diagnose und Therapie Ihres Haus- oder Facharztes ersetzen. Bitte besprechen Sie jegliche (Selbst-)Medikation mit einem Arzt oder Apotheker.
Ihre Dr. med. Henrike Ottenjann, Ärztin und Fachjournalistin für Medizin

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